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seid dem 20.01.2010

Bei Lehmann habe ich die Faust in der Tasche geballt

 

 

BILD: Haben Sie sich schon bei Lehmanns Frau Conny bedankt? Nur weil sie nicht nach Dortmund wollte, konnten Sie beim 2:1 gegen Werder zum Pokalhelden werden...

Marc Ziegler (31): „Nein, ich habe mich lieber bei meiner eigenen Frau bedankt. Sie hat mit mir viele Durststrecken durchlebt und leidet immer extrem. Dann ist es umso schöner, wenn man auch ein tolles Erlebnis gemeinsam genießen kann.“

BILD: War die Elfer-Parade gegen Diego der größte Augenblick Ihrer Karriere?

Ziegler: „Auf jeden Fall einer der schönsten und bewegendsten Momente.“

BILD: Der BVB wollte Ihnen Lehmann vor die Nase setzen. Ehrlich: Haben Sie die Faust in der Tasche geballt?

Ziegler: „Ich habe tatsächlich die Faust in der Tasche geballt. Allerdings aus anderem Grund: Im Urlaub am Walchsee wollte ich eigentlich abschalten. Unmöglich. Da waren immer einige Miturlauber (z.B. Bielefelds Manager Reinhard Saftig/d. Red.), die mich schon beim Frühstück auf den neuesten Stand gebracht haben. Nett gemeint. Aber ich wollte das gar nicht hören.“

BILD: Wären Sie geflüchtet, wenn der Lehmann-Deal geklappt hätte?

Ziegler: „Daran hab ich nie ernsthaft gedacht. Ich war während der Lehmann-Verhandlungen relativ ruhig.“

BILD: Hätten Sie als Boss vom BVB nicht auch versucht, Lehmann zu holen?

Ziegler (lachend): „Ich bin heilfroh, dass ich Spieler und kein Verantwortlicher bin.“

BILD: Bei aller Aufregung wirkten Sie gegen Werder konzentriert und ruhig...

Ziegler: „Aufgrund meiner Lebenserfahrungen gehe ich heute anders in solche Spiele als früher. Ich erlebe vieles bewusster. Momente wie nach dem Elfer vergisst du nie im Leben.“

BILD: Welche Lebenserfahrungen meinen Sie konkret?

Ziegler: Zum Beispiel die Geburten unserer Kinder. Vor allem die Angst um unsere heute einjährige Tochter Zoe war prägend. Sie hatte zum Glück nichts Lebensbedrohendes. Dennoch erkennst du daran, was im Leben wirklich wichtig ist. Das schweißt auch eine Beziehung zusammen.“

BILD: Wie lange sind Sie mit Ihrer Ariane zusammen?

Ziegler: „Seit elf Jahren gehen wir zusammen durch dick und dünn.“.

BILD: Die schlimmste Zeit Ihrer Karriere begann 2005 bei Austria Wien. Warum?

Ziegler: „Austria hatte mich an Hannover ausgeliehen. Als mich 96 später kaufen wollte, gab’s keine Einigung. Ich musste zurück nach Wien – auf die Tribüne. Die Österreicher stellten mich offiziell als Trainingsgast vor. Das tat unheimlich weh.“

BILD: Haben Sie damals an Aufgabe gedacht?

Ziegler: „Ja, ich hatte die Nase vom Profi-Fußball gestrichen voll und wollte meine Laufbahn bei Drittligist Saarbrücken – nahe meiner Heimat Blieskastel - ausklingen lassen. Die Planungen für eine zweite – völlig andere Karriere – liefen bereits.“

BILD: Wie sah die aus?

Ziegler: „Ich träumte davon, Pilot großer Passagiermaschinen zu werden. Ein Bekannter der Fluglinie Cyrus Air hatte mir schon die nötigen Infos gegeben. Fliegerei ist Faszination pur. Dann aber kam das Angebot aus Bielefeld dazwischen.“

BILD: Der Traum vom Fliegen – endgültig begraben?

Ziegler: „Ja, notgedrungen. Mein Vertrag bei Borussia läuft bis 2010. Dann bin ich 34 – und zwei Jahre zu alt für eine Piloten-Ausbildung. Einen Flugschein für kleinere Maschinen werde ich später aber garantiert machen.“

BILD: Haben Sie schon mal in einem Cockpit am Steuerknüppel gesessen?“

Ziegler: „Ja, echt irre. Meine Frau hatte mir zum 30. Geburtstag eine Flugstunde geschenkt. Im Viersitzer sind wir von Saarbrücken aus über Koblenz und Ramstein geflogen. Ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit. Nicht nur ich, meine ganze Familie liebt das Fliegen.“

BILD: Also sind die Zieglers fleißige Meilen-Sammler?

Ziegler: „Stimmt, auch wenn wir wegen der Kinder zur Zeit nicht Langstrecke fliegen. Aber nach der Karriere geht’s auf Weltreise.“

BILD: Apropos Karriere: Wollen Sie Ihren Stammplatz auch nach Weidenfellers Genesung verteidigen?

Ziegler: „Es bringt nichts zu grübeln, was im 1/2 Jahr ist. Fußball ist Tagesgeschäft.“

BILD: Was ist mit der Bayern-Anfrage?

Ziegler: „Ich hörte vom angeblichen Interesse, habe aber selbst mit niemanden der Bayern gesprochen. Ich will jetzt Borussia genießen.“

BILD: Stimmt’s, dass Sie die Torwart-Handschuhe vor Ihren Jungs verstecken?

Ziegler: „Ich möchte nicht unbedingt, dass Leon und Liam (6 und 4/d.Red.) auch Torhüter werden. Das ist eine verdammt schwierige Position. Als Torwart kannst Du dich nie verstecken. Mir wäre lieber, die beiden würden irgendwo im Mittelfeld spielen. Wäre bestimmt auch besser für die Nerven meiner Frau.“

BILD: Waren Ihre Söhne gegen Werder live dabei?

Ziegler: „Nein, dafür war es zu spät. Doch am nächsten Tag im Kindergarten wurden sie permanent darauf angesprochen – und waren stolz. Abends haben wir uns die entscheidende Szene noch einmal im Fernseher angeguckt.“

BILD: Wirklich nur einmal?

Ziegler: „Ja, ich sehe mich ungern im Fernsehen. Interviews mit mir finde ich besonders schrecklich.“

BILD: Warum?

Ziegler: „Schwer zu sagen. Ich fühl‘ mich dabei unwohl.“

BILD: Abschließend zurück zu Lehmann: Soll er bei EM im Tor stehen - selbst als Arsenal-Reservist?

Ziegler: „Jens ist Deutschlands Nr. 1 und der Aufgabe gewachsen. Aber Jogi Löw, der mich beim VfB, in Innsbruck und Wien trainiert hat, wird richtig entscheiden.“